Von den Kindern

Und eine Frau, die einen Säugling an ihre Brust drückte,
sagte: Sprich zu uns von den Kindern.
Und er sagte:
Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch euch, doch nicht aus euch,
Und sind sie auch bei euch, gehören sie euch doch
nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihren Körpern dürft ihr eine Wohnstatt bereiten,
doch nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus der Zukunft, und
das bleibt euch verschlossen, selbst in euren Träumen.
Ihr dürft danach streben, ihnen ähnlich zu werden,
doch versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben schreitet nicht zurück, noch verweilt
es beim Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebendige
Pfeile abgeschnellt werden.
Der Schütze sieht die Zielscheibe auf dem Pfad des
Unendlichen, und Er beugt euch mit Macht, damit Seine
Pfeile umso geschwinder und weiter fliegen.
Freut euch der Beugung, die euch die Hand des Bogenschützen
aufzwingt;
Denn so wie Er den flüchtigen Pfeil liebt, liebt Er
auch den verharrenden Bogen.

 

Aus: Khalil Gibran: Der Prophet.
Übersetzt von Ditte und Giovanni Bandini.
© der deutschen Übersetzung: 2002 dtv Verlagsgesellschaft, München.
Mit freundlicher Genehmigung.

Print Friendly, PDF & Email